Montag, 9. Februar 2015

La Rêverie - Die Träumerei

Ich war müde und beschloss mir noch einen Kaffee zu holen. Eine Straße weiter gab es einen Coffee Shop. Ich sah auf meine Uhr. Es war viertel drei, ich hatte also noch genug Zeit. Ich bog nach rechts ab und nach ein paar Metern stand ich auch schon davor. Ich sah auf und entdeckte ein paar Meter weiter, am Ende der Straße ein kleines Café. Es stand in einer kleinen Hausniesche. Über dem Eingang hing ein Schild "La Rêverie", was so viel wie Träumerei bedeutete. Ich ging darauf zu. Ich kam fast jeden Tag hierher, aber dieses Café habe ich noch nie zuvor gesehen. Immer weiter näherte ich mich der Tür. An dem Türgriff hing ein Schild "Kommen Sie herein und fangen Sie an zu träumen". Ich drückte vorsichtig gegen die Tür und sie öffnete sich mit einem leisen quietschen. Es war dieses Geräusch, wie ich es seit Jahren schon nicht mehr gehört hatte. Um genau zu sein, seit 12 Jahren. Seit meine Oma in ein Pflegeheim gekommen ist und sich dank der Demenz nicht mehr wusste das sie eine Enkelin hatte. Vorher saß sie, immer wenn ich die Tür zu ihrer Wohnung aufschloss, in ihrem Schaukelstuhl und neben ihr stand eine Kanne mit warmen Tee und zwei Tassen so als ob sie immer ganz genau wusste wann ich zu ihr kam. Eben dieser Schaukelstuhl quietschte immer wenn sie sich vorbeugte um mir Tee einzugießen. Sie fehlte mir, unsere Nachmittage fehlten mir und einfach alles. Gedankenverloren betrat ich nun das Café und war erstaunt. Es war größer als es von außen schien. Im Inneren standen ein paar Tische und wunderschöne und vor allem gemütliche Sessel. Aber nicht nur das verwunderte mich. Alle waren so ausgerichtet, dass die Personen die darauf saßen zur Tür sehen konnten. Bis auf einen Platz war alles besetzt. Jeder hatte einen Becher Kaffee in der Hand und las Zeitung. Gleichzeitig schlugen sie die Beine übereinander, tranken von ihrem Kaffee und stellten ihn danach auf den Tisch. So als hätten sie das ganze einstudiert. Ich ging nach vorne zum Tresen. "Bonjour Madame, was kann ich ihnen für einen Kaffee machen?", fragte mich der ältere Mann. Er hatte weiße kurze Haare, trug eine Brille und einen schwarzen Anzug mit rotem Einstecktuch. Ich schaute nach oben, um mir das Angebot anzusehen. Es war eine alte Tafel mit geschwungenen Buchstaben darauf. Aber anstatt Kaffeesorten standen dort Gemütszustände. Glücklich, Traurig, Wütend und noch eine andere. Er sah vermutlich meinen verwirrten Blick und sagte mit einem strahlenden Lächeln: "Wir haben hier im ‘La Rêverie‘ zu jeder Stimmung einen Kaffee kreiert, suchen sie einfach nach ihrem aktuellen Gemütszustand und ich mache ihnen dann den besten Kaffee den sie je getrunken haben. Und da sie anscheinend heute keinen guten Tag haben, bezahlen sie nur die Hälfte." Ich sah wieder nach oben und fand nach kurzem Suchen "Müde" was wohl im Moment wirklich am besten zu mir passte. "Müde", sagte ich und er begann sofort an einem merkwürdigem Gerät herum zu tippen. Woher wusste er nur wie mein Tag war. Sah ich so schrecklich aus? Denn in der Tat, war dieser Freitag alles andere als gut. Heute Morgen hatte ich den Bus verpasst und musste die 7 km zur Arbeit laufen. Als ich ankam erwartete mich ein riesen Stapel mit Papierkram und dann ist auch noch mein Computer abgestürzt und ich durfte alles was ich innerhalb einer Stunde geschrieben habe nochmal machen. Nach ein paar weiteren Minuten stellte er vor mich eine Tasse mit Blumenmuster. Ein wunderbarer Geruch nach warmen Kaffee stieg mir in die Nase. Ich bezahlte und ging danach zu dem noch freien Platz. Dort stellte ich meine Tasse ab und zog meinen schwarzen Mantel aus. Danach setzte ich mich in den Sessel, der noch bequemer war als er aussah. Ich nahm die Tasse und trank einen Schluck. Er schmeckte himmlisch aber da war noch etwas anderes. Ich kann es nicht genau in Worte fassen. Aber während ich den warme Kaffee hinunter schluckte, fühlte ich mich wundervoll und es kam mir so vor als würde ich zu Hause in meinem Bett liegen. Ich schloss die Augen, während ich noch einen weiteren Schluck nahm und meine Bettdecke vor mir sah, sie war weiß mit Rosen darauf und sie roch noch immer nach Waschpulver, da ich erst gestern Abend meine Decke neu bezogen hatte. Ich ließ meine Augen zu und trank die ganze Tasse Kaffee aus. In meinem Körper breitete sich ein warmes Glücksgefühl aus. Als ich die Augen wieder öffnete war ich einen Moment etwas verwundert und dann etwas enttäuscht, als ich sah das ich mich nicht in diesem Café sondern in meinem Bett befand. Aber wie konnte das sein. Es fühlte sich alles so real an. Ich sah auf meinen Wecker und bemerkte das es Zeit zum aufstehen war. Ich zog eine Hose, ein Top und einen Blazer aus dem Schrank und zog mich an. Dann sah ich auf mein Handy. Es war Freitag. Ich beschloss meinen Apfel auf dem Weg zum Bus zu essen, was sich als gute Entscheidung entpuppte, da ich den Bus gerade noch erreichte. Auf der Arbeit angekommen fand ich wieder einen Stapel Papierkram, aber ein Kollege kam herein und fragte ob ich noch Arbeit für ihn hatte und ich gab ihm die Hälfte. Alles was ich in meinen Computer eintippte speicherte ich sofort. Es war zwar aufwendig, aber als er eine Stunde später abstürzte war ich sehr froh darüber. Auf dem Weg nach Hause kam ich wieder an der Straße vorbei, in der ich gestern das Café entdeckt hatte. Ich bog nach rechts ab und ging vorbei an dem Coffee Shop und genau auf die Hausniesche zu.

Dort wo das Café gestern noch gestanden hatte war nichts mehr, einfach nur eine Lücke. Das kleine Haus war verschwunden und mit ihm die quietschende Tür, die bequemen Sessel, die kleinen Tische und der alte Mann mit seinem schwarzen Anzug und dem roten Einstecktuch. Bei dem Gedanken musste ich trotzdem irgendwie lächeln. Das Café war so schön gewesen und alles darin war wie aus einem Traum. Und genauso kam es mir auch vor. Trotzdem war ich mir fast sicher, dass es jetzt in einer anderen Stadt war und auf seinen nächsten Kunden wartet, wer auch immer er sein sollte.